Und weiter ging es in einer wunderbaren Bergwelt.

Das sollte unser heutiges Etappenziel sein, die Tissi-HĂĽtte.

Das sieht zwar nicht so weit aus, aber es waren doch noch einige Stunden in ausgesprochen bizarrer Umgebung zu wandern. Dieser Weg gefiel mir
sehr gut, mag ich es doch, in einer vermeintlich trostlosen Gegend zu laufen, es ist schon ein ganz besonderes GefĂĽhl. Wer das nicht selbst einmal
erlebt hat, kann das sicher schwer verstehen. Es gibt nur sehr wenig Vegetation hier oben, GrasbĂĽschel, Moose, Flechten und natĂĽrlich, wenn gerade
die Blütezeit ist, kleine wunderschöne Blümchen.

Meine beiden Jungs waren mit dem „normalen“ Weg natürlich nicht zufrieden. Darf es ein bisschen mehr sein? Ja sicher, wir bitten darum. Also gingen
sie weiter oben am Hang in einem Altschneefeld entlang.

Dort gab es nur eine ganz schmale Spur. Sie verschwanden aus meinem Blickfeld, denn ich wanderte zwischen den Felsen weiter. Ich werde extrem unsicher, wenn es unter meinen Füßen rutscht, das ist so gar nicht mein Ding. Sie erzählten mir dann später folgendes: Weit vor ihnen waren zwei
Personen auszumachen.
Als sie näher kamen, erkannten sie ein Paar, das irgendwie nicht weiter kam. Offensichtlich hatte die Frau enorme Angst. Also versuchten Reinhold
und Deves die beiden oberhalb im Schneefeld zu umgehen. Deves rutschte aus, fiel hin und verletzte sich am Knie, zum GlĂĽck nur leicht. Ich bin froh,
dass ich das nicht gesehen habe, sonst hätte ich wahrscheinlich unten auf meinem Weg einen Herzkasper bekommen.

Endlich waren wir am FuĂźe des HĂĽgels angekommen, auf dem hoch oben die Tissi-HĂĽtte thronte.
Als ob ich heute nicht schon genug schweißtreibende Anstiege hinter mich gebracht hätte, bei diesem letzten Stück verlor ich mindestens zwei Liter Flüssigkeit

Wir betraten die Hütte und sofort empfing uns eine „warme“ Atmosphäre. In einem Bereich gab es mitten im Raum einen Kamin und rundherum waren Bänke angeordnet. Zwar brannte kein Feuer darin, aber zumindest war einer da und man weiß ja nie.

Wir schauten uns ein wenig um, die Hütte war ganz gut besucht und plötzlich – ich konnte es nicht glauben – ich rieb ganz fest meine Augen – sah ich ihn. Er war es wirklich.

Ludwig Grassler, der „Erfinder“ dieses genialen Wanderweges und Autor des Buches „Zu Fuß über die Alpen“. Er hat diesen wunderbaren Wanderweg, der sich aus den unterschiedlichsten bestehenden Wegen zusammensetzt, ins Leben gerufen. Er hatte die Idee einfach mal vom Marienplatz direkt nach Süden auf den Markusplatz zu wandern.

Wir kannten Herrn Grassler bereits, denn vor der Tour hatten wir ihn schon einmal in Wolfratshausen besucht, um mit ihm über eventuelle Veränderungen zu seiner Wegbeschreibung und seinen Übernachtungsvorschlägen zu sprechen. Das war auch gut so. Es gab zwar nicht viel, aber doch einiges wichtige, was nicht mehr so war.

Das war natürlich ein großes Hallo. Er war auch auf „seinem“ Weg unterwegs, weil er ein neues Buch über diesen Weg schreiben wollte, der auch für Familien und ältere Wanderer machbar wäre. Ich weiß nicht ob je etwas daraus geworden ist. Ich habe nichts in der Art gefunden. Aber er hat ein zweites
Wanderbuch geschrieben: von MĂĽnchen nach Prag.
Herr Grassler kannte natürlich den Hüttenwirt sehr gut und auf seinen Wunsch hin, wurde dann abends nach dem Essen der Kamin angefeuert. Wir machten es uns dort sofort gemütlich – es war einfach soooooooooooo schön – Hüttenromantik pur. Ich bekomme gerade wieder Gänsehaut.


Einige italienische Wanderer rückten zu uns auf die Bank, die uns dann mit ital. Bergliedern erfreuten. Auweia, wir hatten da leider nicht so viel zu bieten und konnten nur zuhören. Aber unser „Grassi“ packte dann ein Liederbuch aus und wir mühten uns mehr schlecht als recht, auch etwas zustande zu bringen. Na ja, berühmt war das nicht. Aber er hatte auch den Text von „La Montanara“. Und die Melodie kennt doch auch fast jeder Deutsche, wir natürlich auch. Also konnten wir endlich aus voller Kehle singen und wir hatten kräftige Unterstützung von Deves, schließlich ist er ja Italiener und singen kann er auch gut.

LĂ  su per le montagne,
tra boschi e valli d’or,
fra l’aspre rupi echeggia
un cantico d’amor

La montanara ohé! Si
sente cantare, cantiam
La montanara per chi
non la sa?

La su sui monti dai rivi
d’argento, una capanna
cosparsa di fior era la
piccola, dolce dimora di
soreghina, la figlia del sol.

Wenn euch dieses Italienisch komisch vorkommt, liegt es daran, dass es sich hierbei um eine “dichterische” Schreibweise handelt. Es ist also kein
Dialekt wie man denken könnte.

Ach war das ein schöner Abend.